Classroom-Walkthrough

Was muss ich unter “Classroom-Walkthrough” (CWT) eigentlich verstehen?

Die Bildungsfachfrau Johanna Schwarz liefert folgende Kurz-Definition:

“Beim Classroom Walkthrough handelt es sich um regelmäßige, kurze, informelle aber fokussierte (durch “Look-fors”) Unterrichtsbesuche, begleitet von Phasen des Feedbacks, der Reflexion und des Dialogs.

Die Schulleitung (oder das Leitungsteam bzw. Kolleg/innen) führt Lehrer/innen von Zeit zu Zeit in eine reflektierende Praxis und zur dialogischen Auseinandersetzung über die Wirkung der Lehr- und Lernprozesse bei Schüler/innen, der Lehrperson und auch bei sich selbst.

Der dialogisch-reflektierende Ansatz kann eine optimale Lernumgebung für das System Schule bieten, da durch den Classroom Walkthrough ein Lernen auf allen Systemebenen (bei Lehrpersonen, Schulleitung, Schüler/innen und anderen Mitarbeiter/innen) initiiert werden kann.

Der CWT ist nicht für die herkömmliche Leistungsbeurteilung der Lehrpersonen gedacht. Es wäre unseriös, eine Beurteilung aufgrund einiger kurzer Unterrichtsbesuche erstellen zu wollen.

Im Gegenteil: Der Classroom Walkthrough und dem Konzept innewohnende Prozesse basieren auf der Bereitschaft zum fortlaufenden Lernen und zur wertschätzenden Kommunikation auf Augenhöhe. Das Herzstück dieses Konzeptes liegt in der Öffnung zur Reflexion.”

(http://www.johanna-schwarz.at/blog/detail/cwt-kurz-erklaert/7613d431d1486584e08e56bf75d5b988/; 6.6.2019)

Also: Kurze, unangekündigte, wiederkehrende und informelle Unterrichtsbesuche während des Schuljahres. Diese Besuche haben informellen Charakter und dienen nicht der Beurteilung. Der Fokus soll auf den Themen der aktuellen Schulentwicklung liegen und zu Feedback und Dialog Anlass geben. Mir als Schulleiter können diese Walkthroughs Einblicke in die Umsetzung der Schulentwicklung ermöglichen; sie bieten Anlass für einen schulischen Dialog und bieten Gelegenheit, um voneinander zu lernen. Lehrkräfte profitieren von formativen Feedbacks, erhalten Wertschätzung für das Lehren und erleben die Einbettung der Schulentwicklung im Alltag. Lernende stellen fest, dass die Schulleitung am Lehren und Lernen teilnimmt, wenn sie dort ist, wo eben Lernen stattfindet.

Das interessiert mich!

Ich will diesem Ansatz nachgehen und mich einlesen. Was sind die Gelingens-Bedingungen? Welche Vorurteile könnte es geben? Verursacht Classroom-Walkthrough Ängste und Widerstände?

A-propos Widerstände: Bei meiner ersten Recherche bin ich auf einen fundamentalen Gegner des CWT gestossen. Seine Tirade will ich nicht vorenthalten:

“Die Thurgauer Schulleiter haben ein neues Führungsinstrument, das sich Classroom Walkthrough nennt. Dabei handelt es sich um ein Kontroll-Instrument, das bereits in den USA angewendet wird. Es gibt dazu auch schon eine entsprechende App fürs Handy. Wie funktioniert Classroom Walkthrough? Die Schulleitung besucht die Lehrkräfte 10 bis 15 Mal pro Jahr während 7 bis 10 Minuten. Die Lehrkräfte erhalten innerhalb von 24 Stunden ein schriftliches oder mündliches Feedback. Der Besuch ist nicht angemeldet, das Schulzimmer wird ohne anzuklopfen betreten. Es gibt keine Begrüssung und auch keine Verabschiedung.

Es scheint mir ungeheuerlich, was da passiert: Erstens ist es stillos, einfach in eine Lektion hineinzutrampen ohne anzuklopfen und ohne begrüsst zu werden. Die Klassengemeinschaft hat für mich auch immer etwas Beschützendes - hier soll niemand exponiert werden und die Schüler und der Lehrer sollen sich sicher fühlen. Zweitens fehlt mir bei vielen Schulleitern die pädagogische Qualifikation. Weshalb sollten sich gute Lehrer jemandem unterordnen, der aus dem Klassenzimmer geflüchtet ist? Drittens wäre es illusorisch, das als Qualitätssicherung oder Weiterbildung anzusehen. Classroom Walkthrough ist ein Machtinstrument, welches das Gefälle zwischen Lehrer und Schulleitung verstärkt. Gehen Sie doch mal aufs Erziehungsdepartement Ihres Kantons und machen dort einen klassischen Walkthrough durch die Büros und senden danach per Email ein Feedback. Classroom Walkthrough macht deutlich, bei wem die Macht liegt.

Das Vorgehen der Thurgauer Schulleiter hat etwas Verzweifeltes: Der nächste Schritt wäre dann das gläserne Klassenzimmer, das dank Kameras jederzeit vom Schulleiterbüro aus einseh- und hörbar ist. Wollen wir das wirklich? (uk)

(Offenbar aus einem Artikel der Thurgauer-Zeitung vom 5.9.15; hier gelesen: https://schuleschweiz.blogspot.com/2015/09/classroom-walkthrough-neues.html; 6.6.2019)

Heftig! Definition Schulleiter: jemand, der aus dem Klassenzimmer geflüchtet ist. Recht polemisch - handkehrum zeigt die Reaktion, auf was bei der Realisierung von CWT besonders geachtet werden muss.